Wie wird man vegane Schuhproduzentin?

Ich werde immer wieder gefragt, wie ich eigentlich dazu gekommen bin, Schuhe aus Apfelleder zu machen. Alles begann mit einem Zeitungsartikel über die Lederindustrie. Das stimmt, aber eigentlich begann die Reise schon etwas früher.


Ich bin ja von Haus aus Soziologin und hatte einen sicheren, gut bezahlten Teamleiter-Job im Marketing bei einer Grossbank. Ich glaube man kann sagen, die Weichen für eine erfolgreiche Konzern-Karriere waren gestellt. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 habe ich – wie wahrscheinlich viele – stärker begonnen zu reflektieren und mich gefragt: «Was mache ich hier eigentlich den ganzen Tag?»


Verlorener Purpose, Kündigung ohne Plan

Mein ganzes Arbeitsleben lang hatte ich immer das Glück, Jobs zu haben, die mir Spass gemacht und mich erfüllt haben. Ich habe stets meine ganze Leidenschaft eingebracht und ging gerne zur Arbeit. Das hat sich in meiner letzten Funktion verändert – irgendwie habe ich den Purpose verloren.


Im intensiven Arbeitsalltag fand ich allerdings keinen Raum, mich neu zu orientieren. Deswegen habe ich irgendwann die Reissleine gezogen und «ins Blaue hinaus gekündigt». Ohne zu wissen, was nachher kommt. Das hat Mut gebraucht. Und es war eine völlig neue Situation, die ich erst einmal auszuhalten lernen musste.


Bye bye Comfort Zone.


Die Idee

Und dann ist dieser Artikel über die Lederindustrie erschienen . Zwei Wochen vor Ablauf meiner Kündigungsfrist bin ich beim Sonntagskaffee «darüber gestolpert». Heute bin ich überzeugt, dass es kein Zufall war. Ich hätte diesen Artikel anders oder vielleicht gar nicht wahrgenommen, wenn ich mich nicht schon mental von meinem alten Job gelöst, sowie Offenheit und Raum für Neues geschaffen hätte.


Ich habe nach diesem Artikel für mich entschieden, dass es in Zukunft nicht mehr unbedingt Leder sein muss. Also wollte ich mir ein paar vegane Pumps kaufen, fand aber keine, die nicht nur aus normalem Kunstleder – also Plastik waren. Das ist zwar vegan, aber für mich zu wenig nachhaltig, da aus Erdöl.


Das Thema hat mich nicht mehr losgelassen. Ich habe weiter recherchiert und bin auf diese innovativen pflanzenbasierten Lederalternativen gestossen (siehe auch Blogbeitrag «Warum Apfelleder?»). Daraus gab es bereits Taschen und Accessoires, aber eben noch keine Schuhe. Also habe ich mir gedacht: «ok, dann mache ich es halt selbst». Die Idee war geboren!


Skills und (fehlende) Expertisen

Ich hatte gut 10 Jahre Erfahrung im Marketing, Aufbau von Projekten, Teams und Geschäftsbereichen - aber keine Ahnung von Schuhproduktion. Und schon gar nicht von nachhaltigen Lederalternativen.


Irgendwann habe ich begriffen, dass ich nicht selbst Schuhe fertigen, sondern starke Produktions-Partner finden musste, die dieses Handwerk beherrschen. Meine Aufgabe war es, das Ganze aufzubauen und zu koordinieren. Dafür brauchte es v.a. gutes Projekt- und Stakeholdermanagement. Beides Skills, in denen ich bereits einiges an Erfahrung mitbrachte, zudem gut kann und gerne mache.


Also habe ich angefangen, als noch nichtexistierende Firma, ohne Webseite und mit meiner privaten Mailadresse, Material- und Schuhproduzenten zu kontaktieren. Je mehr ich mich mit dem Thema auseinandersetzte, desto realistischer schien mir das Projekt plötzlich.


Obwohl ich teilweise regelrecht «Pitchen» und die Produzenten von meiner Idee überzeugen musste.

Es war für alle ein Experiment und damit auch ein Risiko. Niemand wusste am Anfang, ob man aus diesem Apfelleder überhaupt Pumps machen kann.


Mein heutiger Produzent sagte mir damals: «Das ist eine smarte Nische. Und ich glaube an dich. Lass es uns versuchen!»


Der Glaube an die Idee – und an sich selbst

Drive, Mut und Unternehmerinnentum sind der Motor eines solchen Projektes. Der Glaube an die Idee treibt alles voran. Fachwissen kann man sich aneignen, in Rollen wächst man hinein. Gesunder Menschenverstand sowie das Vertrauen in sich selbst und in die eigene Intuition vermögen (noch) fehlende Expertisen zu überbrücken. Wenn man ehrlich zu seinen Werten, Stärken aber auch zu seinen Lücken und Schwächen steht, ist das immer glaubwürdig.


Es gibt keinen Grund, sich für Wissenslücken oder Fehler zu schämen. Ich bin mit fehlendem Fachwissen immer transparent umgegangen. Dann hat man mir das erklärt und aus Unwissen ist Wissen geworden. Und gerade wenn man Dinge zum ersten Mal macht, ist wahrscheinlich noch nicht alles perfekt und es passieren Fehler. Wichtig ist, dass man daraus lernt, optimiert und es das nächste Mal besser macht.


Testen, lernen und «machen»

Ich mache von der Strategie bis zur operativen Umsetzung mit ganz wenigen Ausnahmen alles selbst. Schon aus ressourcengründen versuche ich daher immer, so einfach wie möglich zu starten und Dinge erst mal auszutesten.


Es war mir immer klar, was ich zu tun hatte und was der nächste Schritt ist. Aber in jeder Phase des Projektes gab es jeweils zu Beginn diesen Moment, wo mir kurz das Herz in die Hose gerutscht ist, weil ich gemerkt habe, dass ich eigentlich keine Ahnung hatte, wie das jetzt genau geht.


Ein paar ausgewählte Beispiele: Ganz am Anfang wusste ich nicht, wie «Schuhe machen» geht, wie so eine Produktion funktioniert und wie man sie am besten koordiniert. Oder wie man international Güter verschifft und korrekt verzollt, ein Lager sowie die ganze Logistik aufbaut – den Hexenschuss gabs gratis mit dazu 😉 – wie man Business Development im Retail startet oder bei Jelmoli und RRREvolve als Lieferantin anliefert. Selbst marketingseitig musste ich mir insbesondere im operativen Bereich sehr viel neues Wissen aneignen – das war zugegeben etwas überraschend.


Persönliche Weiterentwicklung und der Purpose ist wieder da

In alle Bereiche habe ich sehr viel Zeit und Arbeit investiert, recherchiert und mich mit Leuten ausgetauscht. Vor allem aber habe ich einfach «gemacht» und probiert. Dabei habe ich enorm viel gelernt, mich weiterentwickelt und mir im Rekordtempo neue Skills und Expertisen angeeignet. Zudem wachse ich jeden Tag mehr in die Rolle der Unternehmerin hinein. Ich würde sagen, ich habe in den letzten gut 1 ½ Jahren quasi ein praktisches MBA absolviert.


Mein Arbeitsalltag ist unglaublich vielseitig und macht mir sehr viel Freude. Natürlich läuft bei Weitem nicht immer alles rund und die Tage sind lang. Aber ich stehe zu 100% hinter dem, was ich jeden Tag tue.


Das ist sehr erfüllend. Die Idee hat sich zu einem selbständigen Projekt entwickelt und es ist daraus ein kleines Unternehmen und eine junge Marke geworden.


Heute kann ich sagen, dass ich meinen Purpose dank SASHAY wiedergefunden habe. Das allein war das Wagnis

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